Gruppenverhalten und Gruppendynamik

Gruppenverhalten und Gruppendynamik

In der Arbeit der Zirkus- und Theaterpädagogik kommen wir an der Gruppenarbeit nicht vorbei. Es ist zwar auch vereinzelnd möglich, intensive Übungen in Einzelbetreuung durchzuführen, allerding gehört das in unserem Bereich zur Seltenheit.

Um Gruppen leiten zu können, ist es von Vorteil, die Gruppendynamik zu verstehen. Dazu ist es notwendig die fünf Gruppenphasen zu kennen. Nach dieser Einführung, werden wir uns mit Hilfe des TZI-Faktormodells dem Individuum widmen, damit wir die Intensionen einzelner Gruppenmitglieder besser nachvollziehen können, um uns zum Schluss dem Kursaufbau zuwenden.

 

Wie immer findest du hier allgemeine Tipps und Radschläge, damit jeder für sich das rausnehmen kann, was er für sinnvoll hält. Des Weiteren sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass nicht alles auf jede Gruppe angewendet werden kann und man individuell agieren muss.

 

Die fünf Gruppenphasen

Bei dem Phasenmodel handelt es sich um ein idealtypisches Model. Sie sind recht dynamisch und können immer wieder (Beispiel Konflikt) vereinzelt wiederholt durchlaufen werden. Das bedeutet, jeder Neuzugang bringt immer Unruhe in Gruppe, weshalb die Phasen zum Teil wieder durchlaufen werden. Demnach ist eine Rückstufung möglich.

 

Die fünf Phasen sind:

 

1.     Orientierungsphase (Formung) 

In der ersten Phase lernen die Teilnehmer sich zunächst kennen. Es geht um das gegenseitige „Beschnuppern“, sowie das Kennenlernen der Räumlichkeiten und allen Gegebenheiten.

Sie ist geprägt vom langsamen erfassen der Aufgaben und Übungen, wie dem Arbeitsmaterial und den geltenden Regeln. Die Aufgabe der Kursleiter ist es hier zwischen den Teilnehmern zu vermitteln und einen Orientierungsrahmen zu geben. Gerade in dieser Phase sind die Teilnehmer bekanntlich noch sehr zurückhalten, vorausgesetzt, die Teilnehmer kennen sich noch nicht untereinander, oder die Räumlichkeiten sind unbekannt.

 

2.     Konfliktphase (Storming

In der Stormingphase werden die Grenzen ausgelotet. Die Teilnehmer wollen wissen wie weit sie gehen können und lehnen sich auch mal gegen Anweisungen der Kursleiter entgegen. Es werden verschiedene Rollen ausprobiert und die Teilnehmer versuchen mehr und mehr die Aufgaben umzugestalten.

Wichtig ist hier, die Grenzen klar einzuhalten. Konflikte müssen ertragen und ausgetragen werden. Dabei ist die gegenseitige Akzeptanz genau so wichtig, wie dass jeder mitgenommen wird. Hierzu gehört es auch mal, Situativ Kompromisse einzugehen, um es nicht eskalieren zu lassen, oder Abbrüche zu vermeiden.

 

 

 

  1. Konsolidierungsphase (norming)

Die Verhaltens- und Gruppennomen haben sich herausgebildet. Konkret bedeutet das, dass die Gruppe jedes Individuum und seine Eigenart akzeptiert (Zum Beispiel das ein Teilnehmer immer zu spät kommt).

Die Gruppe hat ein Wir-Gefühl entwickelt in dem sie sich gegenseitig unterstützt und die Rollen klar verteilt sind. Der Umgang mit Personen außerhalb der Gruppe sollte klar definiert sein.

Den Kursleitern fällt hier die Aufgabe zu, die Regeln klar zu definieren, die von der Gruppe lose vereinbart wurden, genauso wie das vorher festgelegte Ziel. Des Weiteren muss das Gleichgewicht von Ich-Wir-Es bei jedem Teilnehmer hergestellt worden sein, wem das nicht gelungen ist, sollte dabei jetzt unterstützt werden. (siehe TZI-Phasenmodel).

  1. Durchführungsphase (Performing)

Im Performing haben sich die Teilnehmer mit dem Ziel und den aufgaben identifiziert. Der kreative Teil und die eigentliche Arbeit kann – im idealtypischen Model – ab hier erst beginnen, was in der Praxis, aufgrund des Zeitramens, schwer umzusetzen ist.  Hierzu unterstützen sie sich gegenseitig, in dem sie sich mit ihren Fähigkeiten einbringen. Dabei kommt es zu einer Rollenflexibilität, in der die Rolle je nach Ressource der Teilnehmer leicht angepasst wird. (Beispiel: Wer gut Jonglieren kann, schlüpft in die Rolle eines Lehrers um einem anderen Teilnehmer in diesem Bereich zu helfen).

Klar wird hier, dass die Kursleiter selbst sich soweit wie möglich aus dem Gesehen herausziehen sollten. Der Kursleiter sollte hier darauf achten, die Ressourcen der Teilnehmer zu erkennen und mit Hilfe des „fördern und fordern Prinzips“ in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

  1. Auflösung (Adjourning)

Diese Phase kommt immer dann, wenn das Ende eines Kurses in greifbare Nähe rückt, oder schon stattgefunden hat. Die Teilnehmer sind idealerweise im Laufe der Zeit zusammengerückt. vereinzelte Teilnehmer beklagen hier schon den Abschied. Für die Kursleiter empfiehlt es sich hierzu einen extra Termin anzusetzen, damit alle Beteiligten die Möglichkeit haben, sich frei vom Kursalltag zu verabschieden und Bilanz zu ziehen. Die Kursleiter sollten hier konstruktives Feedback geben, an dem die Teilnehmer die Möglichkeit haben, sich zu Reflektieren. Wichtig ist, das Feedback nicht zu allgemein zu halten, sondern die Teilnehmer konkret ansprechen, sonst läuft man Gefahr, dass sich niemand angesprochen fühlt, bei positivem, wie negativen Punkten. Beim letzteren ist es wichtig, dass es nicht zur Kritik einer Person kommt, also nicht alle einen Teilnehmer konkret kritisieren oder ähnliches. Dies muss von den Kursleitern unterbunden werden, da sonst negative Rückmeldungen Schäden verursachen können. Aber auch nur positive Rückmeldungen, halte ich persönlich für nicht zielführend. Es sollten auch Aspekte besprochen werden, die nicht gut liefen, um eine optimale Förderung zu gewährleisten.

 

TZI-Faktormodel

Das Themenzentrierte Interaktionsfaktormodel ist eine handlungsleitende Konzeption zur Gestaltung von lern- und Arbeitsprozessen. Es spiegelt eine Orientierung für den Kursleiter wieder, damit er seinen Kurs besser planen und auf individuelle Gegebenheiten besser handeln kann. Dies geschieht anhand von vier Faktoren (Ich, Wir, Es und Globe). Es findet Verwendung in der Gruppenleitung, der Unterrichtsgestaltung, oder der Steuerung von Kooperationsprozessen (z.B. in der Mediation.).

 

Faktor ICH: alle beteiligten Personen werden berücksichtigt. Mit dem „Ich“ ist die Persönlichkeit jeder einzelnen Person  gemeint, denn jeder muss sich trotz der Gruppe als ein Individuum der Gruppe sehen und verstehen können. 

 

Faktor WIR: Das „WIR“ ergibt sich aus dem „ICH“, ohne „ICH“ kein „WIR“. Die vielen Individuum in der Gruppe ergeben das „WIR“. Da der Mensch aber ein Soziales Wesen ist, gibt es auch kein „ICH“ ohne ein „WIR“, womit beides in einer Korrelation zueinander steht. Das „WIR“ schafft eine möglichst offen Kommunikation und Kontakte, sowie Begegnung aller Gruppenmitglieder, damit steht das „WIR“ auch für die pädagogische Beziehung zwischen Kursleiter und Teilnehmer. 

 

Faktor ES: steht für Sachen, Inhalte, Stoffe usw. Dies können die gemeinsamen Ziele, Materialien oder Räume sein, die genutzt werden. Das Verfolgen einer gemeinsamen Sache, kann die Gruppe zusammenbringen. Dabei muss das „ES“ nicht immer klar erkennbar sein (Unterricht). Es kann gesucht (Beratung), anhand von Rahmenbedingungen ausgestaltet, (Strategie bei einem Spiel), oder durch Interaktion herausgestellt werden (Problemlösung). 

 

Faktor Globe: Hier werden die Rahmenbedingungen zusammengefasst, in dem sich die anderen drei Faktoren „ICH“, „WIR“, „ES“ abspielen. Dies betrifft das Umfeld (welche anderen Personen außerhalb der Gruppe sind vorhanden), die institutionellen Bedingung (zum Beispiel Schule) und die sozial, politischen, oder ökonomischen Gegebenheiten.

 

Die drei ersten Faktoren Ich-Wir-Es stehen in einer dreie Beziehung und können sich unterschiedlich beeinflussen, bzw. stehen in Abhängigkeit untereinander. Alle drei befinden sich im Rahmen des Globe, der den Raum zur Ausdehnung der anderen Faktoren beeinflusst, sie aber auch erst ermöglicht.

Damit sind Faktoren und Phasen eine gute Grundbasis für die Planung eines Gruppen-Kurses.

 

Die Planung eines Gruppen-Kurses

Betrachten wir die 4 Faktoren wird klar, dass wir uns vor einer Planung die Gegebenheiten ansehen müssen. Wie sind die Räumlichkeiten, wie die Gruppenkonstellation, welche Mittel stehen zur Verfügung und wer ist die Zielgruppe. Welches Ziel verfolgen wir, was sind eventuelle Faktoren die störend sein könnten? Um Eventualitäten entgegen zu treten, kann es von Vorteil sein, bestimmten Faktoren entgegen zu wirken. Wirkt der Raum zu unübersichtlich, kann ich Bereiche von Anfang an als Sperrzone bestimmen. Das Beispiel ist zwar zunächst sehr banal und jedem klar, aber durch das durchgehen von allen Punkten des Globe-Faktors können potenzielle Schwierigkeiten entgegengewirkt werden. Schon die genaue Information des Umfelds, der institutionellen Bedingungen, sowie den sozial, politischen, oder ökonomischen Gegebenheiten, die meinen Kurs tangieren, können viel Ärger ersparen.

Bei der eigentlichen Planung sollte darauf geachtet werden, dass jeder Teilnehmer genügend Raum hat, um die drei anderen Faktoren innerhalb der Gruppe auszuprägen. Dies muss in den Einklang mit den fünf Phasen erbracht werden. So kann ich in der Orientierungsphase vor allem auf das „ich“ eingehen, um später in der Konsolidierung das „Wir“ stärker zu betonen und auszuarbeiten, damit das „Es“ als unteranderem der Zielsetzung seinen Raum findet.

 

Ganz klar lässt sich das aber nicht immer so abgrenzen. Ein Tageskurs sollte durchaus auch alle drei Faktoren beinhalten. In dieser Zeit ist es aber unmöglich alle fünf Phasen der Gruppe zu durchlaufen, da Beispielsweise die Teilnehmer in dieser Zeit nicht zu jedem eine Bindung aufbauen können.

Es hilft auch immer wieder nicht nur stickt nach Plan zu arbeiten. Ich hoffe ich konnte hier zeigen, dass eine individuelle und an die einzelnen Gegebenheiten, wie auch der Stufen angepasste Leitung das Optimum ist, was einen „Profi“ vom „Leien“ unterscheidet.

 

 

 

 

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