Wie ich einen Zirkus- und Theaterkurs didaktisch aufbaue.

Wie ich einen Zirkus- und Theaterkurs didaktisch aufbaue.

Wer seinen Kurs Zirkus- oder Theaterpädagogisch aufbauen möchte, muss wissen, welcher Aufbau pädagogisch Sinn macht. Hier wird eine Möglichkeit gezeigt, wie er in Abschnitte gegliedert werden kann und welche Aufgaben diese haben. Ein Kurs sollte folgende Abschnitte beinhalten:

1. Warm-up
2. Hauptteil
3. Cool-Down

Die Abschnitte an sich haben folgende Aufgaben:

Warm-up
Der Warm-up ist um dem Kurs einen klaren Startpunkt zu geben. Zwar hast du sicherlich schon eine Uhrzeit angegeben, wann ihr starten wollt, doch wir alle wissen doch, dass es in der Praxis immer anders aussieht. Wir können meist erst starten, wenn alle Umgezogen sind, sich bereitgemacht haben und auch der letzte da ist. Der Warm-up hat aber auch weiter Aufgaben, die hier aufgelistet sind und die mal mehr und mal weniger erfüllt werden sollten.

Startpunkt
Um einen klaren Startpunkt anzugeben, führe ich selbst immer wieder (und gerade bei langen Kursen) ein Ritual ein. Das ist in den meisten Fällen, dass wir uns in den Kreis setzten und ich die Teilnehmer frage: wie es ihnen geht; was das Tagesziel ist; was sie sich von dem heutigen Tag wünschen.

Damit bearbeite ich schon mal wichtige Dinge im Vorfeld. Alle wissen, wenn jemand schlechte Laune hat, weshalb jeder Teilnehmer entsprechend reagieren kann, also es der Person nicht übelnimmt, wenn sie mal persönlich angegangen wird, oder ähnliches.
Jeder kann sich selbst ein Ziel setzten und hat damit eine Tagesaufgabe, die er erfüllen kann und die Teilnehmer haben die Möglichkeit sich selbst einzubringen, indem sie Wünsche äußern können.

Aufwärmen
Natürlich dient das Warm-up aber auch für viele andere Dinge. So zum Beispiel auch für den Namen, den es trägt, zum Aufwärmen. Gerade bei Akrobatik ist es wichtig, die Muskeln zu denen und seinen Körper auf die Belastungen vorzubereiten.

Konzentration
Aber auch der Geist sollte nicht vergessen werden. Bei Kursen, in denen ich in meiner Vorbereitung viele Übungen mit meinen Teilnehmern machen möchte, die ein hohes Maß an Konzentration von ihnen abverlangt, starte ich gerne mit Konzentrationsübungen. So kann ich mir sicher sein, dass die Gruppe eine Basis für die nächsten Übungen haben. Hier sollte auch auf eine Steigerung geachtet werden.

Der Bewegungsdrang
Ein weiterer nicht unerheblicher Punkt ist, dass ich besonders bei Schulkindern, die gerade erst aus dem Unterricht kommen (ich also weiß, dass sie den ganzen Tag gesessen haben) Aktivierungsspiele mache. Sie sollen die Teilnehmer nicht nur aus dem „Sitzkoma“ wieder herausholen, sondern vor allem den natürlichen Bewegungsdrang des Kindes nachkommen. Aus meiner Erfahrung können so die Kinder oft viel konzentrierter wieder am Kurs mitspielen und haben auch wieder Lust, sich in einen Kreis zu stellen oder setzten, ohne ständig zu stören.

Hauptteil
Der Hauptteil steht für den eigentlichen Kurs und muss für die Teilnehmer nochmals untergliedert werden.
Denn oft ist es so, dass die Teilnehmer nicht sofort auf die Bühne stürmen und allen vor der versammelter Gruppe etwas vorspielen. Das kommt vor allem oft im Theater vor. Aus diesem Grund sollte das „Ich“ eines jeden Teilnehmers nicht berücksichtigt werden. Dieses steht zu den anderen Teilnehmern gerade bei Gruppe, die sich nicht kennen, in differenzierten Beziehungen. Man muss aber immer erst eine Gruppe Bilden bevor man überhaupt anfangen kann. Dazu sollte das „Ich“ langsam in die Gruppe integriert werden. Dies macht man am besten nach folgender Regel.

Ich bei mir
Der Teilnehmer sollte zunächst einmal nur bei sich selbst und seinem Körper oder Zirkusmaterial sein. Es ist wichtig, dass er seine Erfahrungen erstmal alleine macht, ohne sich mit den anderen Teilnehmern groß auseinander zu setzen.

Im Theaterbereich bedeutet dies, er muss sich erstmal mit einem Körper richtig auseinandersetzten. Soll ein Gespür für ihn bekommen, wissen wie er mit welcher Körperhaltung wie wirkt, wie erläuft usw. denn der Körper ist im Theater das Darstellungsmittel.

Im Gegensatz hierzu ist es im Zirkus für den überwiegenden Teil das Zirkusmaterial, also zum Beispiel die Jonglierbälle. Das Material soll zuerst erkundet werden und ausprobiert werden. Es soll untersucht und veranschaulicht werden.
Das alles geht am besten alleine.

Ich und Du
Nachdem die Gruppe sich alleine mit sich und dem Material auseinandergesetzt haben, können sie in Zweiergruppen arbeiten. Hier soll sich jeder in der Partnerarbeit ausprobieren. Wie muss ich einen Ball werfen, damit mein Gegenüber ihn fangen kann, wie muss ich sprechen, damit ich eine Reaktion meines Gegenübers bekomme, oder wie muss mein Körper agieren, um eine Reaktion zu bekommen und welche wird das sein?

Ich und ein Teil der Gruppe
Hier sollen kleine Gruppen gebildet werden, um das Zusammenspiel in der Gruppe zu üben. Ich kann kleine Stücke probieren, das Zirkusmaterial in der Gruppe zuwerfen, oder kleine Inszenierungen ausprobieren. Hier rege ich oft an, das Material einmal verfremdet (also nicht wie gelernt) zu verwenden. Ein Jonglierring kann so zum Lenkrad eines Autos werden oder ähnliches. In der Theaterpädagogik kann man hier gut mit Improvisation arbeiten, woraus eine kleine Szene entsteht, die wir in einer eventuellen Vorstellung verwenden können.

Mein Ich in der Gruppe
Nun ist es Zeit, die gesamte Gruppe in Interaktion zu bringen. Im Idealen Fall ist die Gruppe nun schon eine Einheit. Dies erkennen wir daran, dass jeder seinen Platz innerhalb der Gruppe gefunden hat. Die eigentliche Entwicklung des Stücks kann ab diesem Teil richtig beginnen.

Ich vor den Anderen
Dieser Teil ist sehr wichtig und braucht ein hohes Maß an Vertrauen in die Gruppe, sowie einen Schutzraum. Ziel ist es, das Darstellen alleine vor der Gruppe und ist damit die beste Vorbereitung für eine Vorstellung.

Des Weiteren ist es auch eine Mutprobe, denn es ist der schwierigste Part für einen Teilnehmer, der nicht immer für jeden möglich ist. Manche Teilnehmer brauchen viel Mut, um vor der gesamten Gruppe eine kleine Inszenierung zu spielen. Besonders im Theater. Im Zirkus habe ich schon oft erlebt, dass Kinder mit Stolz zeigen wollen, welche Tricks sie erlernt haben und dementsprechend die Hemmschwelle für eine alleinige kleine Vorstellung vor der gesamten Gruppe kleiner ist. Im Theater gibt es ein sicheres Gefühl für die eigentliche Vorstellung.

Es ist eine kleine Vorprämiere, wenn etwas vor der Gruppe gezeigt wird, weshalb das auch einen entsprechenden Rahmen bekommen sollte, in dem auch die bestimmte Regeln gelten: Es wird niemand ausgelacht; Feedback gibt es nur, wenn es erwünscht wird und dann auch nur mit entsprechendem Respekt; das „Publikum“ ist leise und schaut zu.

Cool-Down
Er schließt den Rahmen, den wir mit dem Warm-up begonnen haben. Daher ritualisiere ich diesen auch immer wieder gerne, in dem ich einen Kurs immer gleich beende. Damit ist für alle klar, der Kurs ist zu Ende, wenn wir ihn gemeinsam beenden und nicht wenn ich abgeholt werde. Das sollte allen klar sein, auch dem „Abholservice“. Ausnahmen bestätigten hier natürlich die Regel.

Außerdem sollte im Cool-Down nochmals Lust auf mehr gemacht werden, damit die Teilnehmer den nächsten Kurs kaum erwarten können.

Gruppenzusammenhalt stärken
Er bietet auch eine gute Möglichkeit den Gruppenzusammenhalt nochmals zu stärken, in dem gemeinsam entweder mit einem Verabschiedungsritual wie das Zusammenlegen der Hände oder das gemeinsame Abklatschen. Dieses Ritual kann hier geübt und zur Motivation und Aktivierung kurz vor der Vorstellung genutzt werden.

Druck ablassen
Eine andere Möglichkeit ist, die Teilnehmer nochmals den Druck abzulassen und sich von der Konzentration zu befreien. Ich hatte mal eine Gruppe, die jedes Mal wirklich gut mitgearbeitet hatte und zum Schluss nochmals richtig aktiv wurde. Scheinbar mussten die Kinder ihre Konzentration mit Bewegung ausgleichen. Zirkus kann ja durchaus den gleichen Effekt wie Lernen haben. Es geht ganz schön auf den Kopf.

Abschalten
In der Regel versuche ich aber genau das Gegenteil. Also die Teilnehmer zu beruhigen. Dann massieren wir uns gegenseitig oder tun uns etwas anderes gutes. Das Hilft der Gruppendynamik und den Nerven sich wieder zu entspannen.

Anwendung
Diese Art des Aufbaus eines Kurses kann natürlich unterschiedlich variieren. Das hängt von er Zielgruppe und den Teilnehmern an sich immer wieder ab. Aber an und für sich ist das eine gute Orientierung.

Auch der Aufbau an sich kann unterschiedlich gestreckt werden. Wenn ich also einen Kurs habe, der nur einen Tag lang dauert, kann ich die fünf Schritte des Hauptteils an diesem Tag „abarbeiten“. Dabei kann ich auch den letzten weglassen. Oder auch nur die ersten drei Schritte machen.

Bei einem langen Kurs, der also über mehrere Kurstage verläuft, kann ich auch zum Beispiel an jedem Tag immer einen Schritt weiter gehen.

Was man vermeiden sollte, ist Schritte zu überspringen oder von dem einen zum anderen zu springen. Das mach nur Sinn, wenn schon alles durch gemacht wurde und das Eine oder Andere noch verbessert werden muss.

 

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